Radical Honesty

Ich bin mir durchaus dessen bewusst, dass das achte Gebot diesen Artikel eigentlich überflüssig macht. Aber, ich bin mir auch bewusst, dass wir alle nur Menschen sind und deswegen verfasse ich ihn trotzdem:

Auf Sueddeutsche.de gibt es momentan eine Serie zu einem Feldversuch der absoluten Wahrheit.
Inspiriert von Dr. Truth versucht ein Journalist eine Woche lang die Wahrheit zu sagen, ohne etwas zu beschönigen.
Sein Resümee nach einer Woche Ehrlichkeit und einer gewissen Anzahl an blauen Flecken, usw:

Die Welt muss ja vor lauter Wahrheit nicht in Anarchie versinken. Aber ein bisschen mehr davon schadet ihr auch nicht.

Das Thema ist für mich ein ziemlich heißes Eisen, weil ich das Gefühl habe, dass ich an vielen Stellen zu ehrlich bin und Menschen dadurch verletze (wobei Dr. Truth sagt, dass die sich davon auch wieder erholen).
Auf der anderen Seite halte ich (im Umgang mit mir) auch gar nichts von diesem Feedback-Deutsch (egal wie scheiße du bist, du kannst, wenn du willst nach dem Gespräch das Gefühl haben, dass du der größte Held der Welt bist).

Was glaubt ihr? Würde sich die Welt verbessern, wenn wir öfter die Wahrheit sagen würden?

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11 Kommentare zu “Radical Honesty”

  1. Hendrik
    3. Oktober 2008 um 15:39

    Die Frage ist doch auch, warum wir lügen - wo die Wahrheit doch meistens viel einfacher ist. Für eine wirklich gute Lüge braucht man Menschenkenntnis, ein gutes Gedächtnis, eine Dosis Vorraussicht, etwas Fantasie und eine Portion Wahrheit.
    Keine Lüge funktioniert ohne nicht einen gewissen wahren Kern.
    Also ist jede Lüge wahrheit mit zusätzlichem Aufwand - und es ist immer viel einfacher, bei der Wahrheit zu bleiben.
    Ob die Welt sich bessern würde weiß ich nicht - aber sie sähe definitiv anders aus mit mehr Ehrlichkeit und Offenheit.

  2. Matze
    3. Oktober 2008 um 18:12

    Bitte diesen Absatz nochmal erläutern, den raff ich nicht:

    Auf der anderen Seite halte ich (im Umgang mit mir) auch gar nichts von diesem Feedback-Deutsch (egal wie scheiße du bist, du kannst, wenn du willst nach dem Gespräch das Gefühl haben, dass du der größte Held der Welt bist).

    Danke.

    Matze

  3. Sammy
    3. Oktober 2008 um 18:49

    Ich empfinde es nicht als Lüge, wenn man nicht immer sagt, was man denkt. Natürlich gibt es eine fließende Grenze, wo man evtl durch Halbwahrheiten oder Schweigen lügt, aber Lüge ist doch hauptsächlich das, was wirklich aus dem Mund auch rauskommt. Eine andere Frage ist wieder, ob ich durch meine Haltung ein Heuchler bin, weil ich den andern anlächle und eigentlich “du Arschloch” denke.

  4. Tobi
    3. Oktober 2008 um 18:55

    @Matze: Wenn man mir nur durch die Blume sagt, was man von mir hält und alles so vorsichtig wie möglich ausdrückt, damit ich ja nicht verletzt bin (erst einmal zehn positive Sachen sagen, bevor was negatives kommt, z.B.), dann muss ich schon sehr aufpassen, dass ich:
    1. die Kritik überhaupt mitbekomme
    2. mich nicht aufrege, weil der andere nicht so ehrlich ist, wie er sein könnte und ich mir verarscht und nicht ernst genommen vorkomme

  5. Kliemi
    3. Oktober 2008 um 23:49

    Dieser Feedbackregelnkram ist unglaublich ätzend. Wenn Leute etwas, das ich tue, nicht richtig finden, wünsche ich mir sehr, dass sie es mir ohne Umschweife einfach direkt sagen - ohne sich vorher erst noch irgendwas Positives aus den Fingern heucheln zu müssen.(Genauso wie ich mir wünsche, dass sie mich loben, wenn sie etwas gut finden. Da sagt man ja auch nicht erst mal drei negative Dinge vorher…)

    Und am liebsten würde ich genau so auch mit den anderen Leuten umgehen. Leider sind irgendwie fast alle anderen so seltsam verletzlich. Ich frage mich, woran das liegt.

    Ziemlich wenige Leute, die ich kenne, können mit “ehrlicher, direkter Kritik” (also ohne Feedbackregelnblabla) richtig umgehen.

    Kann mir jemand sagen, warum das so ist?

  6. Matze
    4. Oktober 2008 um 16:26

    ok, alles klar.

    Volle Zustimmung!

    Matze

  7. Sammy
    4. Oktober 2008 um 22:05

    @Kliemi
    denke, es kommt ganz auf die Art drauf an, in der man die Kritik an den Mann bringt. Mal von mir ausgegangen, wenn ich merke, der andern Person liegt wirklich was an mir und sie sagt mir Kritik nicht um mich wegzuholzen, dann mag das manchmal hart sein, aber ich kann es annehmen. Aber wenn ich merk, dass ich dem andern scheißegal bin, dann geht gar nix. Kommt also vor allem auf die Art und Weise, aber auch auf die Beziehung zur Person an.

  8. Kliemi
    5. Oktober 2008 um 08:18

    @Sammy: Also ich meine schon wohlmeinende Kritik, so nach dem Motto “Falls du den Wunsch hast, dich zu verbessern - vielleicht hilft dir dazu meine Meinung…”

    Etwas anderes: Es gab und gibt immer wieder mal folgende Fälle: Eine Person macht eine Sache wirklich richtig schlecht. Anschließend verlangt sie Rückmeldungen. Was soll ich sagen? Am liebsten würde ich ihr (natürlich etwas höflicher formuliert) rückmelden: “Wenn das dein Bestes war, bist du nicht geeignet für den Job. Also entweder lerne es oder lass es, das wäre das beste für alle.” Aber darf man das? Oder muss ich mir zwei, drei positive Punkte überlegen (”Schön, dass du es überhaupt probiert hast… Du hast dich übrigens angemessen gekleidet…”) und dann nur einen von gefühlten Tausend Verbesserungsvorschlägen bringen? Ersteres wäre vielleicht ehrlicher und effizienter. Zweiteres wäre vielleicht höflicher und kuscheliger.

    Aber: Der Preis für Kuscheligkeit und Warme Worte, nämlich dass unfähige Personen nicht merken, dass sie besser werden oder sich eine andere Betätigung suchen sollten - ist er nicht doch zu hoch?

  9. Sammy
    5. Oktober 2008 um 13:37

    @Kliemi
    ich wäre da für ein Mittelding, von diesem Feedback-Sandwich Scheiß halte ich auch nichts, aber, man kann das harte ruhig auch lieb und kuschelig verpacken, solange dadurch der Inhalt nicht an Klarheit verliert. Und ich glaube, die Kombination geht.

  10. Manu
    5. Oktober 2008 um 19:26

    Wenn wir die Wahrheit sagen ist die Frage:
    Warum sagen wir die Wahrheit?
    Tun wir es, weil wir es müssen oder weil uns irgendwas oder irgendwer dazu drängen, oder tun wir es, weil wir es wollen ?
    Wenn wir es tun, weil wir es wollen, ist es gut, wenn wir erkennen, dass Gott es auch will :-) Kurz: Ja, es schadet nicht, ehrlich zu sein.
    Ich sehe mir Jesus Christus an, der weitaus mehr Situationen in seinem Leben gehabt hat, wo er hätte lügen können und wo man dies vielleicht sogar hätte nachvollziehen können.
    Jesus hat uns den göttlichen Willen gezeigt und hat mit seinem Leben auch klargemacht, dass Sünde (auch Lügen) nicht gut sind und sie auch nicht zu rechtfertigen sind.
    Daher sage ich, dass unser Zeugnis voller Wahrheit sein sollte.
    Ich glaube nicht, dass sich die Welt nennenswert bessern wird, da sie von Sünde durchdrungen ist.
    Aber die Sünde zu lassen ist ein Entschluss in die richtige Richtung.

  11. ..:: Die Wahrheit ist, es geht uns alle was an « Tobihaede’s Weblog
    9. Oktober 2008 um 14:15

    [...] über “Wahrheit” nachzudenken. Als jetzt noch mein lieber Blog- und Studienkollege eine Diskussion über Wahrheit und Ehrlichkeit startete, startete ich meinen persönlich Versuch, [...]

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